„Der Blick in ihre Augen gibt mir Kraft“ – Ein Leben für italienische Straßenhunde

Da war dieser Agrar-Unternehmer. Mit Millionen-Villa und 100.000-Euro-SUV. Sein Hund hauste in einer Art Mülltonne. Bis Alfonso kam. Er fragte den Millionär: „Finden Sie das nicht ein bisschen merkwürdig, dass Sie so ein großes Auto fahren und ihr Hund in dieser Tonne leben muss?“ Der Unternehmer antwortete: „Ja, Sie haben eigentlich Recht“, und baute einen 20 Quadratmeter großen Zwinger.

„Das ist das Problem in Italien“, erklärt Alfonso Longo. „Tiere sind vielen Menschen nichts wert.“ Seit über 20 Jahren kümmert sich der ehemalige Technik-Direktor eines internationalen Transport-Unternehmens um herrenlose Hunde. „Manche besorgen sich einen niedlichen Welpen für ihre Kinder, und wenn der Hund zu groß geworden ist oder vielleicht krank wird, dann kommt er eben ins Tierheim oder wird einfach ausgesetzt.“

Fotos: Tierschutzprojekt Italien

Zurzeit leben knapp 80 Straßenhunde in Alfonsos Tierasyl in der Nähe von Neapel. „Spätestens um halb 8 bin ich im Refugium“, erzählt der 65-jährige. „Jeden Tag. Und habe jedes Mal einen Kloß im Hals. Ich denke an die Hunde, die am schlimmsten dran sind. Und hoffe, dass ich sie lebend auffinde…“

Alfonso & Elena Longo

Das Refugium. Der Verein U.N.A.. Das Erbe seines Sohnes. Carmine war erst 16, als er starb. Bei einem Verkehrsunfall. Mit der Mofa, die Alfonso ihm geschenkt hatte. Carmine hatte einen Welpen aufgepäppelt. Ein Mädchen aus der Stadt wollte ihn so gerne haben. Also nahm Carmine den kleinen Streuner und fuhr los. Um 2 Uhr Nachmittags. Am 25. September 1997. Der Autofahrer war viel zu schnell. Carmine und der Welpe hatten keine Chance.

„Im Dezember haben wir dann den Verein gegründet.“ Alfonso hat Tränen in den Augen. Und Mühe, weiter zu sprechen. „Das hatten Carmines Freunde vorgeschlagen. Weil er Hunde so sehr liebte. Zu seiner Beerdigung waren über 5.000 Menschen gekommen. Da haben wir erst verstanden, wer unser Sohn war. Zu vielen seiner Freunde haben wir immer noch Kontakt.“

In 23 Jahren ist viel passiert. Gerade erst hat im Nachbarort eine Tierklinik eröffnet, die sich auch um Straßenhunde kümmert. „Das wäre früher undenkbar gewesen“, meint Alfonso. Anfangs habe es nicht viele gegeben, die sich für Streuner interessierten. Außer, um mit ihnen Geld zu machen. In Italien zahlen Gemeinden dafür, wenn Streuner von der Straße geholt werden. Und zwar pro Hund und Tag. Das kann ein lukratives Geschäft sein. Zum Beispiel für Hundefänger. Und mit so einem  fing für Alfonso alles an:

„Der arbeitete für ein schreckliches Tierheim etwa 150 Kilometer von hier“, erinnert sich der 65-jährige. „Und ich hatte erfahren, dass er wieder in die Stadt kommt. An dem Tag bin ich nicht zur Arbeit gegangen, sondern habe meinen guten Fotoapparat genommen und mich auf die Lauer gelegt. Ich wusste, er sollte einen Hund mitnehmen. Aber stattdessen hat er zehn gefangen.“ Alfonso erzählt, er habe den Vize-Bürgermeister und einige Journalisten informiert. „Und dann haben wir gemeinsam den Transporter blockiert. Ich hatte auch die Carabinieri gerufen. Und die stellten fest, dass der Mann gar keine Transport-Erlaubnis besaß.“ 

Am Ende musste der Tierfänger ohne Hunde zurückfahren. Er und das Tierheim konnten diesmal nichts kassieren. Dazu muss man wissen, dass in Italien einige dieser Auffang-Stationen offenbar von der Mafia betrieben werden. Es kann also Probleme geben, wenn man ihre Geschäfte stört. „Angst habe ich keine“, sagt Alfonso. „Ich hab das ja auch immer zusammen mit den Carabinieri gemacht. Und ich hab die Regeln eingehalten, die ich gut kannte.“

Alfonsos erstes Tierasyl war eine kleine Baracke mit Platz für gerade mal vier Hunde. Gemeinsam mit seiner Frau Elena und vielen Freunden schufen sie nach und nach das Refugium, das heute weit über Kampanien hinaus bekannt ist. Gerade erst konnten sie wieder ein gutes Dutzend ihrer Hunde nach Deutschland vermitteln. Über den Würzburger Verein „Tierschutzprojekt Italien“. Seit gut einem Jahr gibt es den Kontakt. Und inzwischen eine ganz enge Zusammenarbeit.

„Alfonso ist wirklich ein ganz besonderer Mensch“, sagt die Vereins-Vorsitzende Stefanie Neuhäusler. „Der kämpft sich durch alle regionalen und nationalen Hindernisse. Für sein Engagement hat er auch schon viele Auszeichnungen und Preise bekommen. Und zahlreiche Fernsehinterviews gegeben. Die er auch schon mal abbricht, weil ihm die Antworten vorgegeben wurden. Das ist ein ganz, ganz kluger Kopf!“

„Als wir uns kennengelernt haben, hätte ich nicht zu träumen gewagt, wie groß diese Zusammenarbeit werden könnte“, freut sich Alfonso. „Ich hoffte, dass das Tierschutzprojekt Italien uns hilft, einige Hunde zu vermitteln. Aber ich hätte nie im Leben gedacht, dass es unser Refugium auch finanziell so unterstützt!“ Die Spenden aus Deutschland lassen Alfonso wieder ruhiger schlafen. „Unsere Fixkosten sind einfach sehr hoch. Manchmal wusste ich schon nicht mehr, wie ich Miete, Strom und Hundefutter bezahlen sollte…“

Vereinsvorsitzende Stefanie Neuhäusler mit Alfonso & Elena Longo

Und das ist lange noch nicht alles: In der Stadt hat der Verein U.N.A. – die italienische Abkürzung für Mensch, Natur, Tier – auch ein kleines Tierarzt-Büro angemietet. „Dort bieten wir gratis Sterilisationen für Katzen und Hunde an“, erklärt Alfonso. „Gerade haben wir eine Beatmungs-Maschine gekauft – für zweieinhalbtausend Euro. Und dann das ganze Verbrauchsmaterial wie sterile OP-Fäden. Das müssen wir alles aus Spenden finanzieren. Denn wenn mal ein Straßenhund operiert werden muss, dann akzeptiere ich nicht, dass das ein Hund zweiter Klasse sein soll. Der muss genau so gut versorgt werden wie ein Hund aus einer Familie!“

Fotos: Tierschutzprojekt Italien

Alfonso und seine Hunde. Das ist ganz große Liebe. Genau wie damals bei seinem Sohn. Man spürt es bei der Verabschiedung des Hunde-Transporters nach Deutschland. Lange steht Alfonso zwischen den Boxen im schmalen Mittelgang. Mit Tränen in den Augen. Geht zu jedem Tier und streichelt es lange über den Kopf. Sagt ciao zu Samuele, Matteo, Ciotola, Angelo und den anderen. 

„Es ist natürlich auch wunderschön, wenn wir einen Hund vermitteln können. Aber man hat dann immer auch ein weinendes Auge. Wenn man den Hund zum Beispiel lange gesund gepflegt hat – und dann ist er auf einmal nicht mehr da…“ Alfonso schluckt. „Aber da muss ich auch vernünftig sein. Und ich weiß ja auch, dass es dem Hund gut gehen wird.“ Am liebsten würde er natürlich alle behalten. Aber er braucht Platz im Refugium. Die Jagdsaison ist bald zu Ende. Und es gibt viele Jäger, die ihre älteren Hunde danach nicht mehr brauchen und einfach entsorgen.

Der wunderschöne Setter ‚Dante‘ wurde ausgesetzt

Auch ‚Matteo‘ wurde von Alfonso im Refugium aufgenommen

„Also, seit wir so richtig angefangen haben, hat sich die Situation in Italien schon verändert.“ erinnert sich der Chef des Tierasyls. „Damals gab es ganze Rudel von Strassenhunden. Das gibt es heute eigentlich kaum noch. Inzwischen sieht man irgendwo im Hinterland, in den Hügeln, eher kranke Hunde oder einen Wurf Welpen. Man muss aber auch sagen: Je mehr Tierschutz-Organisationen es gibt, die seriös arbeiten, umso mehr Hunde und auch Katzen werden kastriert. Das ist wirklich ein großer Fortschritt!“

Alfonso sagt, allein U.N.A. habe im vergangenen Jahr mehr als 400 Hunde kastriert. Und über 800 Katzen. „Und wir machen auch immer mehr Aufklärungsarbeit. Und überzeugen Menschen, ihre Hunde und Katzen zu uns zu bringen, um sie gratis kastrieren zu lassen. In unserer eigenen, kleinen Arztpraxis. Das einzige, was wir dafür verlangen, ist, dass der Hund gechipt wird. Um eine Nachverfolgbarkeit zu haben.“

Das mit der Nachverfolgbarkeit ist übrigens so eine Sache. Die fordert Alfonso nämlich auch von Menschen ein, die seine Hunde bei sich aufnehmen. „Wenn ich länger kein Foto von einem meiner adoptierten Hunde mehr gesehen habe, dann bitte ich darum per WhatsApp. Und wenn ich dann den Hund mit seiner neuen Familie sehe, vielleicht sogar einen kurzen Film, in dem er sich richtig freut, dann bin ich erleichtert – und das ist mir echt wichtig!“

Und dann gibt es noch die Hunde, die Alfonso wirklich überraschen. Isabaux zum Beispiel. „Ich hätte nie gedacht, dass die jemals adoptiert werden würde!“ Schließlich war sie schon 13 Jahre alt, hatte lange in einem schlimmen Lager gelebt, war wohl misshandelt worden und ließ sich von niemandem anfassen. Alfonso erzählt: „Und dann sehe ich die, und sie ist ein völlig anderer Hund in ihrem neuen Zuhause. Rennt glücklich über eine Wiese – einfach irre. Oder die Lilly: Die ist hier bei uns immer ausgebüxt – und bleibt jetzt ganz brav bei ihrer neuen Familie. Das macht mich unheimlich glücklich. Denn Du siehst im Gesicht des Hundes, dass der ganze Ausdruck sich verändert. Das gibt mir unheimlich Kraft, um weiter zu machen!“

Die alte Hündin Isabaux (links) ist heute glücklich in ihrem Zuhause

Wer Alfonso und das Tierschutzprojekt Italien e.V. unterstützen und etwas für die Versorgung der Tiere spenden möchte, findet alle wichtigen Informationen  auf der Website, auf Facebook oder Instagram.

Ganz herzlichen Dank an Alfonso & Elena Longo und an Stefanie Neuhäusler für eure wundervolle Arbeit, das ausführliche Interview, die vielen Informationen, Gespräche und offenen Worte!

 

2 Comments

  • Vi ringrazio di cuore

    Alfonso e Elena
    E tutte le persone che collaborano con noi.

    15. November 2020 at 16:50

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